… Bob Dylan, die Reinhard Gampe schon oft genug live studiert hat. Was ihm auf seinem zweiten Album zusammen mit seinem kongenialen Kumpel, Komponisten und Produzenten Evert van der Wal gelingt, ist aber weit mehr als eine Verbeugung vor den Meistern. Es ist der große Wurf, von dem jeder Musiker träumt, dass er ihn wenigstens einmal landen möge. Die lyrische Trompete, die den titelgebenden „Tiny House Blues“ eröffnet, markiert das Revier auf dem Gampe sich auskennt – die tiefe Liebe zu all denen, die diese Gesellschaft unsichtbar zusammenhalten und selten ein öffentliches Gesicht bekommen. Schon gar nicht so ein mit Herzblut gezeichnetes wie hier von Gampe. „… ned zum Sprinter geborn und mit der Zeit immer no langsamer worn…“
Das Oberpfälzer-Regensburger-Bayerische ist das in sich stimmige Idiom mit dem Trucker Gampe (er fährt im echten Leben tatsächlich) hemmungslos poetisch Alltagsgeschichten erzählt – zum Beispiel in dem Dancefloor-Shuffle „Ned synchron nach Wien“, auf dem Bock des Lasters, wenn das Prasseln den Starkregens vor Holzkirchen schließlich übergeht in das Klackern der High Heels auf Wiener Beton. Rumpelnd kommentiert die Gitarre die Hipster-Abrechnung „Bin i jetzt schon prekär? Kumm i nie mehr ans Meer?“. Mit der schon live schon bestens erprobten 19er Tram geht es in den balkan-italienischen Alptraum „Mala Figura“, wo gefühlsmäßige Lakonie auf vor Lebensfreude explodierenden Sound trifft. Normal ein Highlight, das allein den Kauf des Albums rechtfertigen würde. Aber Gampe legt nun erst richtig los. Der Ohrwurm „Alte Männer, neue Zeit“ ist ebenso sophisticated in seiner gesellschaftlichen Selbst-Analyse wie mitreißend: wie er sich hier delirierend in Torwartlegende Ronnie Hellström und Rafael Garcia „the Killer“ Cortez verbeißt, das schreit nach Repeat. Nach dem melancholischen „Roter Mond“, das schon lautmalerisch zum roten Mohn changiert, zum Track, der – wenn es einen gerechten Musikgott gibt – demnächst alle bayerischen Radiowellen und privaten Feste fluten dürfte: „Ohne di“ ist die derbste Liebeserklärung aller Zeiten. Gampe rappt sich hier mitreißend vom „Schnee in der Sahara“ unter den „Sonnenschirm von Jesolo“. Ein Übersong, der zum Mitsingen zwingt. Hitalarm! Die Liebeserklärung ans „Dampfschiff“ entpuppt sich als catchy Kriegserklärung an die immergleichen Stereotypen vom Wirtschaftswachstum – kongenial untermalt von einer quengelnden Blues-Gitarre, bevor der Sänger in „Sisiphos und der Graue Hirsch“ dem Kohlenträger Wick ein musikalisches Denkmal setzt, das in seiner Retardierung Größe entwickelt. Und wenn – trotz inzwischen mehr als 50 gemeinsam geschriebener Songs – Gampe und van der Wal noch einmal mit dem Duett-Remix von „Wasserfall“ aus dem Debüt-Album hier das Finale einläuten, ist das ein Gänsehautmoment des Abschieds. Repeat!!! Dieser „Tiny House Blues“ leuchtet warm als ersehnter Lichtblick im trüben dritten Corona-Winter. Zeitlos groß. Oder wie Reinhard Gampe augenzwinkernd anmerkt: „Man kann auch in der kleinsten Hütte unglücklich sein.“ Dann bitte mit diesem Soundtrack…

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